Leuningers Einsatz bis in den Tod

von Johannes Laubach
In Mengerskirchen gibt es eine Franz-Leuninger-Schule, in Koblenz eine Straße mit diesem Namen und sogar in Berlin einen Leuninger-Pfad. Er ist ganz in der Nähe des Ortes, an dem der Namensgeber Franz Leuninger starb. Ganz in der Nähe der Hinrichtungsstätte Plötzensee.


Mengerskirchen. 
Franz Leuninger, Widerstandskämpfer aus Mengerskirchen, wurde im Alter von 46 Jahren am 1. März 1945 in Berlin-Pötzensse hingerichtet.

Viele bange Tage und Wochen waren vergangen seit dem Attentat am 20. Juli 1944 auf Hitler. Der engste Kreis um den Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die Köpfe des Widerstands mit General Ludwig Beck und Carl Friedrich Goerdeler waren längst erschossen oder saßen im Gefängnis, da befand sich der aus Mengerskirchen stammende Leuninger immer noch auf freiem Fuß. Leuninger, der nach dem gelungenen Umsturz im Schattenkabinett Beck/Goerdeler als Oberpräsident der Provinz Schlesien vorgesehen war, wurde erst am 26. September 1944 verhaftet.

Erst im Januar wurde der Widerstandskämpfer dann in das Gefängnis Berlin-Moabit verlegt und musste sich anschließend vor dem Volksgerichtshof verantworten. Am 26. Februar 1945 wurde er zum Tode verurteilt, am 1. März wurde das Urteil vollstreckt. In einem seiner letzten Briefe aus dem Gefängnis schreibt er: „Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht, wird es schon richtig sein.“

Leuninger war zwar durch und durch katholisch, doch das Schicksal in die Hände des Herrgotts zu legen, galt erst, als nichts anderes mehr ging. Der Gewerkschafter, der in der NS-Zeit Geschäftsführer einer gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft wurde, nutzte schon vor dem Krieg die damit verbundenen Möglichkeiten, mit Gegnern des Regimes in Kontakt zu treten und Verbindungen zu schaffen. Zu aktiven Widerstandshandlungen gegen Hitler oder das Regime ist es dabei offensichtlich jedoch nicht gekommen. Für seinen Bruder Alois jedoch sind die Kontakte untrügliches Zeichen dafür, dass der Widerstand nicht erst begann, als die militärischen Erfolge ausblieben.

Harte Kindheit

Der am 28. Dezember 1898 geborene Franz Leuninger, drittältestes Kind der Familie mit insgesamt neun Kindern, wuchs in einem sehr katholischen Haus auf. Die Frömmigkeit prägte keineswegs nur den Sonntag, sondern war täglicher Begleiter in einer durchaus harten Kindheit und Jugend. Trotz offenkundiger Begabung konnte er nur die Volksschule besuchen, der Familie – der Vater war Nagelschmied – fehlte das Geld für die Besuch einer höheren Schule. Mit 13 Jahren bereits musste Leuninger arbeiten gehen. Zunächst war er im Feldwegebau aktiv, dann wechselte er auf den Bau. Das hieß auch, den Heimatort zu verlassen. In Remscheid arbeitete er als Hilfsarbeiter und schloss sich den Christlichen Gewerkschaften an.

Am Ersten Weltkrieg nahm er aktiv als Soldat teil und wurde Unteroffizier. Nach dem verlorenen Krieg wurde Leuninger Vertrauensmann des Christlichen Bauarbeiterverbands, 1922 hauptamtlicher Lokalsekretär in Aachen, anschließend in Euskirchen. 1927 kam er als Bezirkssekretär nach Breslau, wo er für den Verband in Schlesien wirkte. Tüchtig, einsatzbereit und redegewandt, so wird er beschrieben. Humor hatte er auch, zudem zeigte er häufig Hilfsbereitschaft. Politisch engagierte sich Leuninger für das Zentrum. Er saß im Breslau im Stadtparlament und kandidierte im März 1933 für den Reichstag.

 

Neue Aufgabe

Seine gewerkschaftliche Funktion endete nach der Machtübernahme durch Hitler und der Gleichschaltung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933. Leuningers bis dahin ausgeführte ehrenamtliche Funktion als Geschäftsführer der Siedlungsgesellschaft „Deutsches Heim“, einer Tochtergesellschaft der „Schlesischen Heimstätte“, wurde daraufhin zu einer hauptamtlichen Stelle und sicherte ihm und seiner Familie ein wirtschaftliches Auskommen. Die Gesellschaft wurde getragen aus der christlich-sozialen Bewegung und war überkonfessionell. In seiner neuen Funktion hatte Leuninger die Möglichkeit, auch Menschen, die dem Regime kritisch gegenüber standen, Arbeit und Brot zu verschaffen.

Fritz Voigt gehörte zum Beispiel dazu. Der ehemalige Polizeipräsident von Breslau war Sozialdemokrat und wurde aus dem Dienst entlassen. Er wurde mit Grundstücksgeschäften der Siedlungsgesellschaft beauftragt. Voigt gehörte ebenfalls dem Widerstand an und wurde schon zwei Tage nach dem misslungenen Attentat verhaftet.

 

Jedes Mittel erlaubt

Leuninger zeigte von Beginn an eine deutlich Distanz zum NS-Regime. Diese ist offensichtlich durch den Polenfeldzug, an dem Leuninger als Feldwebel teilnahm, noch verstärkt worden. Auf jeden Fall schrieb er in einem Brief an seine Brüder: „Es gibt nichts, was einen Krieg rechtfertigt, und es ist jedes Mittel erlaubt, das einen Krieg verhindert.“ Sein Bruder Alois notierte in seinen Aufzeichnung über Franz Leuninger, dass dieser wenige Tage vor dem Attentat am 20. Juli im engsten Familienkreis noch über die Konzentrationslager und die Gewaltherrschaft gesprochen habe. „Die Verbrechen sind so furchtbar, dass sie nur mit dem Blut der Besten gesühnt werden können“, soll er dabei gesagt haben.

Wie stark Franz Leuninger in den Widerstand eingebunden war, das war der Familie nicht bekannt, sagen die Neffen Ernst und Herbert Leuninger. Die Geistlichen, die heute in Limburg leben, wohnten bis Juni 1942 in Köln und anschließend in Mengerskirchen. In Köln war der Onkel aus Breslau häufiger zu Gast. Der Aufenthalt in der Stadt, so der Eindruck der Neffen, war stets auch mit Kurieraufgaben verbunden. Auf jeden Fall habe der Onkel stets mehrere Wohnungen in der Stadt aufgesucht.

Erst mit der Verhaftung des Onkels sei klar geworden, wie er in das System des Widerstands eingebunden gewesen sei. Die Familie habe dabei auf ein schnelles Kriegsende gehofft, damit das Todesurteil, das schon vor dem Schuldspruch feststand, nicht vollstreckt werde.


Artikel vom 02.03.2015, 03:30 Uhr (letzte Änderung 02.03.2015, 09:56 Uhr)
Artikel: http://www.fnp.de/lokales/limburg_und_umgebung/Leuningers-Einsatz-bis-in-den-Tod;art680,1287682

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